Corona Wilensis 1920 - 1950

Dr. iur. Karl Wick (1891-1969), Nationalrat, Chefredaktor am "Vaterland" aufgewachsen in Wil, tauchte, in den Ruhestand geraten, jeden Sommer einmal in Wil auf frischte seine Jugenderinnerungen und - stätten auf, machte mir einen Besuch, ich musste ihn durch die Altstadt führen, jedesmal auch in der "Falkenburg" einkehren am hellichten Tage. Denn, so sagte er mir z.B. am 30. August 1966: Er habe in seinen Studentenjahren 1910-1916 oft in der "Falkenburg" verkehrt, wo sich die Wiler StVer getroffen hatten. - Wer weiss noch davon? Wer kennt noch die Namen? Denn die am tollsten gewettert , sind stille und stumm... Aber hier haben wir die erste historische Spur der Corona.

Als man nach dem Studentenfest 1920 nicht aufhören konnte, organisatorisch beisammen zu sitzen, gründeten sie die Corona Wilensis. K.J. Ehrat (1887-1969) sagte mir am 13.9.1966, nachdem wir in schlichtem Rahmen und lautem Gehaben "50 Corona und Falkenburg" gefeiert hatten, er sei noch der letzte Ueberlebende der vier Gründer: Bezirksammann Anton Bürgi von Arth SZ, (1890-1921 Bezirksammann), Stadtammann Dr. Ernst Wild, Dr.iur. Dominik Styger, Advokat, und K.J. Ehrat.

Am Aschermittwoch, 10. Februar 1937, morgens 7.30 Uhr, trat ich auf dem Bezirksamt Wil meinen ersten Arbeitsplatz an. Es war in jeder Beziehung Krisenzeit (existenziell, finanziell, wirtschaftlich), kurz nach der Frankenabwertung,den Lohnreduktionen; im ganzen Kanton St. Gallen brauchte man keinen Juristen. Am zweiten Tag las ich im "Wiler Boten" ein kleines Inserat, Studentenzirkel, "Corona Falkenburg Donnerstag". Ich ging.

In der "Falkenburg", am runden Tisch bei der gusseisernen Säule sassen drei bis vier ernste schwarzgekleidete Herren, und die Wirtin, "Frau Doktor Wick" (d.h. Frau Agnes Wick-Karrer (1861-1943), Witwe des Tierarztes Johann Josef Wick, des Stifters der Grossen Glocke zu St. Niklaus) sass am Tisch beim Ofen. Einer der Herren war Dr.med.J. Bannwart, einer Dr. Dominik Styger, einer Joh. Chrys. Brühwiler (Professor). Ich stellte mich vor, setzte mich hin. Ich wurde befragt über meine Herkunft, meinen Arbeitsplatz, die Umstände meiner Wahl (Teile meiner Auskunft erfuhr ich ein paar Tage später von andern). Ich wurde von der Wirtin und den Herren unterrichtet über die Corona, sukzessiv. Die Corona sei der Treffpunkt der Stver. Sie bestehe seit 1920, dem Studentenfest. Präsident sei Herr Stadtammann und Gerichtspräsident Dr. Wild, der auch Festpräsident gewesen sei, jetzt aber abends nicht mehr komme. Man treffe sich jeden zweiten Donnerstag im Monat. Das Inserat und alles Vorzukehrende besorge Frau Dr. Wick. Ausser dem Hock sei nichts; alles sei Tradition. Aber Geld habe man noch; es liege dort im Boden der Wanduhr, an der gleichen Stelle wie die Uhr heute hängt. Es diene zur Bezahlung allfälliger Polizeibussen. Wieviel oder wiewenig, erfuhr ich nie. Der Abend verlief würdig und steif. Ich wurde freundlich und gnädig betrachtet. Ich war ja auch der einzige, der in dieser Weinwirtschaft Bier trank.

Ich ging wieder, das nächste Mal, und immer wieder. Beim zweiten Mal waren auch Dr. Edwin Blöchlinger-Schmuki und Dr.iur. Peter Gegenbauer da. Unsere Diskussion verlängerte sich, und die Wirtin, "Frau Doktor Wick", seufzte vor Müdigkeit. So verzogen wir uns in eine andere Wirtschaft, und gerieten in die Polizeistunde.

Unsere Runde mehrte sich. Manche StVer merkten auf, als sie von diesen Zusammenkünften und fröhlichen Abenden hörten, und kamen auch. Wir formierten uns, indem ein loses Komitee bestellt wurde. Erster neuer Präsident: Dr.iur. Dominik Styger, Kassier: Dr.med.Willy Graf. Im Herbst/Winter 1937/38 wurden Dr. Styger, Dr. Graf und ich abgeordnet, an einem Stammabend (zwecks Finanzierung eines geplanten Anlasses) in der "Falkenburg" das dort liegende Geld zu holen. Wir kamen an die ganz falsche Adresse; das gab es nicht. "Frau Doktor Wick" und Dr.J. Bannwart wehrten entschieden ab. "Das Geld gehöre zum Haus". Als auch Dr.D. Styger, unser Oberhaupt, kippte, ja wenn das so sei, dann ändere man nichts mehr daran. So zogen Dr. Graf und ich uns frühzeitig zurück und an einen freundlicheren Tisch. Ueberhaupt war die Abkühlung in der "Falkenburg" spürbar, als sich herausstellte, dass unsere Corona anderswo regelmässige Zusammenkünfte hielt.

Dr.iur. Dominik Styger-Cathomas v/o Styx, von Oberriet SG, hatte sich nach ausgiebigen Studentenjahren und Herausgabe einer mehrere hundert Seiten umfassenden rechtshistorischen Doktorarbeit in Wil zwischen 1910-1920 niedergelassen und eine Advokaturpraxis aufgebaut. Er war am Stammtisch ein standesbewusster und fröhlicher Altherr, wurde kirchenbehördlicher Baldachinträger zu St. Niklaus trotz hinkendem Gang, kandidierte 1921 erfolglos als Bezirksammann, und zog dann enttäuscht von Wil weg. In Einsiedeln war er u.a. Redaktor. Aber nach 15 Jahren kam er gerne wieder nach Wil zurück, etablierte sich an der ob. Bahnhofstrasse 50 aussichtslos als Anwalt, und freute sich sehr, in unserer lebhaften verjüngten Corona seinen Kreis zu finden. So wurde er für die noch wenigen Jahre des Verbleibens in Wil unser Präsident. Ihm folgte in dieser Ehrenposition Dr.iur. Edwin Blöchlinger-Schmuki, dann vermutlich Dr.med. Willy Graf, und gegen 1947-1948 Dr.iur. Remigius Kaufmann-Grüebler.

Einen Schriftführer und Chronisten hatten wir nie. Deshalb sind auch keinerlei Aufschriebe vorhanden. Aber Leben war in dieser Corona. Der monatliche Stamm, meist im "Hof", der regelmässige Kegelabend, schon 1937 eine kleine Weihnachtsfeier, 1938 und 1939 ein gelungener Fastnachts-Abend mit vereinzelten Damen, und jährliche Ausfahrten, nach dem Krieg mit Privatautos (so ein ganzes Wochenende in Murten und auf der Vue des Alpes) gehören zu meinen spärlichen Erinnerungsresten.
Wir trafen uns auch in anderen Wirtschaften, des öftern. Wir gingen kegeln, zu Herrn Paul Bernet, wirklicher Hotelier im Hotel Bahnhof Wil, jede Woche einmal, am Mittwoch oder Donnerstag. Zum harten Kern der Gruppe gehörten Dr.med. Willy Graf-Schönenberger, Dr.phil. Max Städler, Dr.iur. Ed. Blöchlinger, Oskar Mauchle, Emil Wick, Josef Holenstein und ich. Gäste hatten wir auch, z.B. Joh.Chrys. Brühwiler, Dr.med.vet. Karl Schilling, Dr.iur. Dominik Styger, Dr.J. Raggenbass. Von 22 Uhr an wurde gejasst. Manchmal gerieten wir in die Polizeistunde. In einer prachtvollen Oktober-Nacht, als über dem Viehmarkt der Vollmond so majestätisch prangte, beschlossen wir: sofort auf den Säntis. Wir kamen über Unterwasser um 6 Uhr auf dem Säntis an und nachmittags wieder heim. Das regelmässige wöchentliche Kegeln hielt an bis 1950, und ging ein, als einige Kameraden bzw. deren Damen nun ein erstes schönes grosses neues Auto hatten und es vorzogen, diesem zu fröhnen.

In der "Falkenburg" war es noch einsilbiger geworden. Frau Agnes Wick-Karrer wurde kränklich und verstarb am 15. Januar 1943. Mir richtete man aus, die Corona hätte dann schon zahlreicher an der Beerdigung erscheinen dürfen. Die Erben verkauften die "Falkenburg" an Herrn Karl Forster-Wiesli, der bisher im "Hof" residiert und mit der ganzen Familie dort als Herrschaftschauffeur, Bierführer und Mann für alles sonntags und werktags engagiert war, und ab 1. Mai 1943 führte Familie Forster-Wiesli die "Falkenburg". Eine glückhafte Wende für die Corona.

1947 erschien bald nach der feierlichen Installation zum Stadtpfarrer erstmals unser Pfarrherr, Josef Hasler, persönlich am monatlichen Stamm, und dies dann öfters, bis 1951 nach einem unfairen Wahlanschlag der gemütliche und beschlagene Herr erfahren musste, dass es in Wil auch schmerzliche Erlebnisse gibt.

Herr Zahnarzt Paul Häne (1886-1951), obere Bahnhofstrasse 13, Wil, war in seinem Herzen ein begeisterter Stver, lebte indessen nach schweren Schicksalsschlägen (Tod der ersten und der zweiten Frau) sehr zurückgezogen, schenkte seine ganze Wärme seinem einzigen Sohn Othmar. Er verfügte letztwillig, es sei die Corona nach seiner Beerdigung würdig zu bewirten mit Speis und Trank, und dabei und danach sollen fröhliche Studentenlieder ertönen. So geschah es; wir tafelten separat im "Schwanen" und sangen würdig und harmonisch die schönen alten Lieder.

Bald nach dem Krieg, als sich die Reihen füllten und ganz neue Gesichter in der Runde erschienen, liess sich der Ruf nicht überhören, es sei in Wil wieder einmal ein Studentenfest abzuhalten. Anfangs zielten wir auf 1947. Aber die Stimmung dafür war noch flau. Viele Bedenken in diesen ersten Nachkriegsjahren drückten. Auch ungute Gerede und Nachfolgen vom glanzvollen Fest von 1920, welches nicht nur strahlende Seiten hatte, hemmten. Nach dem Fest von 1946 in St. Gallen aber gewannen die positiven Aspekte. Von Anfang an unter dem Vorsitz von Dr. Remigius Kaufmann-Grüebler wurde beraten und erwogen, und den Jungen Mut gegeben, rechtzeitig unser Vorhaben auf 1951 zu melden.

Dr. L. Fäh v/o Pathos

1937 das Gründungsjahr
Corona Wilensis Juniorum 1937 bis 1950
Corona Wilensis 1951 bis 1987
Wyl (Wil) als GV-Ort
ABBATIA WILENSIS 1978 – 1987
Corona Wilensis 1920 - 1950